Lotte Köhler 1919 - 2011

Cornwall, CT
Cornwall, CT

Lotte Köhler, geborene Grimm, auch Professor Lottchen oder Kleiner Klaus genannt. Je nachdem, wer über sie schrieb, mir ihr sprach. Für alle anderen später immer Lotte Köhler, in Amerika oft nur Kohler geschrieben. Lotte Köhler ist denen bekannt geworden, die sich vor allem intensiv mit Hannah Arendt beschäftigen. Sie war Freundin, Mitarbeiterin, treue Lebens- oder Weggefährtin von Hannah Arendt, nach ihrem Tod und noch bis vor einigen Jahren Hannah Arendts Nachlassverwalterin, wurde die Herausgeberin der Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und ihrem Mann Heinrich Blücher und zwischen Hannah Arendt und dem Philosophen Karl Jaspers, ermöglichte auch für andere die Herausgaben weiterer Bücher wie zum Beispiel Die Denktagebücher Hannah Arendts und war bis zum letzten Tag Anlaufstelle für Journalisten, Filmemacher, Hannah Arendt ForscherInnen und Reportagen. All dies bescheiden. Zu bescheiden, denn wenn man weiterfragte, eröffnete sich eine große weite Welt und mit ihr ein breiter Zeitausschnitt des 20. Jahrhunderts. In der 36, West 84th wohnte sie seit den fünfziger Jahren, der Mietvertrag für heutige Verhältnisse nicht mehr vorstellbar. Vielleicht ist auch Lotte Köhler bald nicht mehr vorstellbar, würde sie nicht noch immer nahbar durch die, die sie kannten, lebendig durch die Erinnerung an sie sein, denn jetzt fehlt sie, unmittelbar und sofort. Lotte Köhler ist dieses Jahr am 24.März in New York im Alter von 91 Jahren gestorben. Unrealistisch zu denken, zu früh und doch. Doch zu früh für immer. Mit ihr gingen ihre Sprache, das Amerikanisch gefärbt von einem leicht sprödem Norddeutsch, die vielen Gedichte, die sie seit ihrer Jugend alle auswendig kannte, was wie sie sagte kein Problem sei, ihr Denken und Empfinden, die Jahrzehnte in New York seit 1955, ihre Erinnerungen an soviel Menschen, von denen wir nur noch aus Büchern lesen können. Lotte war keine Jüdin, musste nicht aus Nazi-Deutschland fliehen und floh doch Mitte der fünfziger Jahre aus dem westlichen Nachkriegsdeutschland ins New Yorker Exil, in die Welt. Dort lernte sie über ihren Doktorvater Benno von Wiese früh Hannah Arendt und ihren Freundeskreis kennen, den Philosophen und Ehemann Heinrich Blücher, die jüdische Journalistin Charlotte Beradt, die Schriftstellerin Mary McCarthy, viele andere öffentlich bekannte Menschen und auch alle diejenigen in diesem Alltag über die in der Öffentlichkeit nicht soviel zu lesen ist und die man zu unserem eigenen Nachteil vergessen wird. Lotte Köhler ist 1919 in Pommern geboren, war dann auch mal zu Hause auf einem Gut in Mecklenburg, eine Ecke vom Klützer Winkel entfernt, dieser bekannt durch Die Jahrestage von Uwe Johnson. Mit ihm tauschte sie alte Landkarten, Reiseführer, das Mecklenburger Platt. Lotte kehrte nícht mehr nach Mecklenburg zurück, in ihrem Haus in Cornwall, CT hängen drei Ölbilder ihres Urgroß oder sogar Ururgroßvaters an der Wand über dem Sofa aus einer Mecklenburger Zeit. Gerne ließ sie sich erzählen, war der Landschaft immer noch verbunden, wollte dann aber in den letzten Jahren den weiten Flug nicht mehr wagen. Auch in Cornwall gibt es Wälder, Seen und großen Himmel. Dort wohnte in ihrer Nachbarschaft auch Lotte Goslar, dort traf sie Thea Dispeker und viele die aus New York schnell dorthin kamen. Und viele immer wieder aus Europa.

Lotte Köhler ist eine Frau, die mit Ende 80 sagt, es sei nicht leicht alt zu werden. Es sei schrecklich, denn der Geist, das Denken und Fühlen sei zu stark und zu lebendig, als dass dies der Körper noch aushalten könnte. Lotte Köhler sprühte, funkelte, platzte vor Lebensneugier und war doch ganz zerbrechlich. Ein Telefonat, indem Lotte eigentlich nichts weiter beklagt, außer dass sie sich das Genick gebrochen habe, weil ihr der Fernseher auf den Kopf gefallen sei. Sie trug eine Halskrause und lebte mit gebrochenem Genick ebenso frisch und frei weiter, so rätselhaft dies, wie mir auch überhaupt der Sturz des Fernsehgerätes auf ihren Kopf blieb. Manchmal bedauerte sie, dass sie immer noch selber Auto fahren müsse, da es ihr Jorlanda, die ihr täglich zu Hause half, aber ohne Führerschein war, nicht abnehmen konnte. So fuhr sie zum fish tank, einkaufen, zum See oder Freunde besuchen, flott durch die Landschaft, allerdings wenigstens nicht mehr zurück nach Manhattan. Gespräche über die Vergangenheit wurden abgebrochen, nicht weil ihr das Gelebte entfiel, sondern weil das Gelebte zu lebendig zurückkehrte, die Kraft fehlte und die Sehnsucht nach den Menschen, die schon nicht mehr mit ihr da waren, zu groß wurden, so dass sie immer wieder über das am Tag zu Lebende reden wollte, Wissen wollte von den anderen, Fragen stellte, was Heute passiert, gerne die Blumen im Garten betrachtete. Lotte Köhler liebte es zu reisen, startete 1969 (oder 71) eine Weltreise mit einer Freundin, genoß das Leben in Momenten und kannte doch die Bedeutungen der Worte Selbstverwirklichung und Emanzipation nicht. So etwas verstehe sie nicht, damit hätten sie sich damals nicht beschäftigt, sie hätten gemacht, was sie wollten und was sie für richtig hielten. Lotte hatte früh ihren ersten Mann, noch im 2. Weltkrieg verloren und hat erst spät in den 80ger Jahren ein zweites Mal geheiratet. Lotte Köhler war ein Mensch mit Kontinuität den Menschen und ihrer eigenen Biografie gegenüber, geliebte Freunde blieben über Kontinente geliebt und wurden keine Lebensabschnitte. Ihr zweiter Mann war eine junge Liebe noch aus Deutschland. Und auch Konflikte konnten einander weiterhin verbinden. Unvergesslich ihr das gemeinsame Öffnen der Tür zu Hannah Arendts Wohnung, in der sich Stapel über Stapel von Morddrohungen, Beschimpfungen, Flüche und Verleumdungen auf mehreren Tischen reihen. Dies die Zeit nach der Veröffentlichung des Berichtes von Hannah Arendt zum Eichmann-Prozess in Israel. Lotte war da. Lotta war auch da, als Heinrich Blücher starb und Hannah Arendt ohne Trost war Und Lotte war auch immer woanders: unterwegs mit ihrer Freundin Haide, die sich schon aus Studienzeiten aus Deutschland kannten, die über andere Wege und als deutsche Kulturattachée nach New York kam und auch im Kreis mit ihren Kollegen vom City College New York. Obwohl der Nähe wird es später keine Veröffentlichung eines Briefwechsels zwischen Hannah Arendt und Lotte Köhler geben, es gibt keine gehaltvollen Briefe zu finden, auch werden keine Auseinandersetzungen die schriftlich geführt wurden auftauchen, denn Lotte Köhler war mitten im Leben mit Hannah Arendt, musste nicht berichten, was geschah, denn sie waren im täglichem Austausch, Grundsätzliches musste nicht immer besprochen werden, da das Leben im Alltag seine Umsetzung fand. Als Lotte Köhler angefragt wurde Gesprächsnotizen von den Treffen mit Hannah Arendt für später zu schreiben, hat sie abgelehnt, weil sie wusste, es würde die Freundschaft unmöglich und sie damit zum Chronisten von etwas anderem, fern der Freundschaft, machen. Persönliche Gespräche ließ auch Lotte Köhler nur zu, wenn sie nicht der Verwertung nach produziert wurden. Trotzdem habe ich sie vor einigen Jahren gefragt, ob sie nicht all die Geschichten die ohne sie verloren gehen würden, mit einem Tonband aufnehmen könne. Sie sagte nicht nein, das Tonband blieb bei ihr und leer. Zum 90zigsten Geburtstag schenkte man ihr einen Computer, seitdem hatte sie eine eigene Emailadresse, doch blieben ihr Telefonate und Briefe lieber. Es war Besonders, Zeit mit Lotte Köhler zu verbringen. Als wenn die Zeit, ein Moment mehrfach intensiv, eindringlich und empfindlich sein kann. Sentimental war sie nicht, manchmal wurde sie melancholisch und immer blieb dabei ihre Zuneigung, Leidenschaft und Interesse für die Menschen, das Leben.

Ich empfinde großen Dank, dass es Lotte Köhler gab und es bleibt ein Mensch, an den man sich orientieren kann ohne jede Sentimentalität.

 

                                                                                                            September 2011_Annika Haller

 

Lotte Köhler in ihrem Garten, Cornwall Connecticut, USA, 2004
Lotte Köhler in ihrem Garten, Cornwall Connecticut, USA, 2004
Thomas Wild zum Tod von Lotte Köhler, Berliner Tagesspiegel 2011
Lotte Köhler Berliner Tagesspiegel.doc
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Theatertext

Frauen 1-5, Frankfurt am Main, 2007
Frauen 1-5, Frankfurt am Main, 2007
Frauen 1-5 Ein Wüstenepos
Stephanie Schiller (Text) und Annika Haller(Konzept)

UA 2007 Frankfurt am Main an der J.-W.-Goethe-Universität
frauen1-5 Kopie.pdf
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Programmheft Frauen 1-5
Uraufführung 2007
Frankfurt am Main
Text: Stephanie Schiller
Regie und Ausstattung: Annika Haller
Dramaturgie: Katrin Breschke
mit Studentinnen der Theater-, Film- und Medienwissenschaft
und Masterstudiengang Dramaturgie bei Prof. Hans-Thies Lehmann

Gefördert von der Stadt Frankfurt
Frauen 1 - 5 : Programmheft.webloc.gpx
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Premieren 2019

Jakob Lenz                 Wolfgang Rihm

Premiere 23.06.2019

Oper Nürnberg

Joseph and the amazing technicolor dreamcoat  Andrew Lloyd Webber

Premiere am 10.07.2019

Oper Dortmund